Pädagogisches Konzept der heilpädagogischen Arbeit
mit dem Pferd a la SchnuppStrupp

Ich will die Menschen, die zu mir kommen nicht wie ein Bildhauer, der einen Rohling nach eigenen Vorstellungen bearbeitet (behaut) behandeln. Ich möchte lieber vorgehen wie ein Gärtner, der ja nicht an der Pflanze zieht, damit sie schneller wächst, sondern der die Umgebung der Pflanze, den Boden, die äusseren Bedingungen möglichst förderlich gestaltet, die Pflanze giesst und düngt, das Wachsen aber ihr selbst überlässt.

 

Theorie:

Diesen Vergleich verdanke ich Friedemann Schulz von Thun, aus dessen Buch "Miteinander Reden" ich die theoretischen Grundlagen für dieses Kapitel zum großen Teil entnommen habe.

 

Ziele:

Entwicklung:
  • der Persönlichkeit

  • der körperlichen Fähigkeiten

  • des Verhaltens

  • der Beziehungsfähigkeit

Mittel:

  • Nondirektive Pädagogik

  • Ganzheitliches, prozessorientiertes Arbeiten

  • Arbeiten mit dem möglichst natürlich belassenen Lebensraum und Wesen des Pferdes

Voraussetzungen:

  • Partnerschaftlich, humanistisches Menschenbild

  • Anthropologische Grundüberzeugung, wie unten dargestellt

 

 

Anthropologische Grundüberzeugung:
Bedeutsame Entwicklungsschritte vollziehen sich von selbst, sie können nicht von aussen gemacht werden. Was von aussen gemacht werden kann, sind förderliche zwischenmenschliche und äußere Bedingungen. Jedem Lebewesen ist ein vitales Streben nach Weiterentwicklung eigen, jedes Lebewesen entwickelt sich aus eigenem Antrieb. Mit einem Mindestmaß an Achtung, Wertschätzung und Aufmerksamkeit für eigene Impulse kann man dieses Streben unterstützen und fördern.

 

Mit der früher üblichen Herangehensweise der direktiven Pädagogik wird zaghafter Eigenantrieb schnell geschmälert oder unterdrückt. Die Folge ist häufig übertriebene Anpassung in Verbindung mit Selbstentfremdung oder die Wahl eines sehr radikalen Weges der Selbstverwirklichung auf Kosten anderer. Oft findet auch beides in einer Person statt, so daß eine kongruente, authentische, sozialkompetente Persönlichkeit sich nicht entwickeln kann.

Therapie ist immer auch Beziehungsarbeit

Ein Mensch verändert sich im Sinne von Weiterentwicklung nicht dadurch, daß ein Profi ihn nach den Regeln der Kunst diagnostiziert und behandelt, sondern dadurch, daß ein anteilnehmender Mensch eine Beziehung zu ihm eingeht. Nicht Anspruch sondern Echtheit, Akzeptanz und Einfühlungsvermögen sind dabei wichtig. Wenn ich nicht verändern, Fehler ausmerzen oder die Persönlichkeit nach meinem Maßstab lenken will, braucht mein Gegenüber seine Energien nicht übermäßig in Abwehr zu binden, sondern kann sich selbst zulassen und erforschen. Wenn ich mich auf die Suche nach seinen Fähigkeiten mache und Fehler und Eigenarten akzeptiere, kann er seine Besonderheiten entdecken und weiterentwickeln.

Das erscheint nur paradox:

Nicht eine veränderungsorientierte Behandlung, sondern eine therapeutische Beziehung stellt die Grundlage der heilsamen Entwicklung dar.

Der nondirektive Ansatz birgt für uns, die wir nach Rahmen, Linien und sicheren Vorgaben streben, natürlich das Risiko, daß sich unser Gegenüber in eine andere Richtung entwickelt als wir das vorgesehen haben. Vielleicht müssen wir eine Kröte schlucken und verdauen. Es gibt nicht nur einen Weg nach Rom, sondern viele und manche wollen garnicht nach Rom.

Vieles wird durch seinen Gegensatz klarer, dargestellt in verschiedenen Werte — und Entwicklungsquadraten nach Schulz von Thun:

 

Direktivität:

eingreifen, bildhauern

Non-Direktivität:

wachsen lassen, gärtnern

Pädagogische Penetranz:

strenge Reglementierung

Pädagogische Abstinenz:

grenzenloses Gewährenlassen

 

Wenn ich dirigiere, lenke, bevormunde und gängele, lasse ich wenig oder gar keinen Freiraum. Ich erzeuge abhängiges und reaktives Verhalten. Mit einer direktiven Einstellung sehe ich den Menschen als einen Risikopatienten, den ich dringend heilen, formen, in den Griff kriegen muss. Ich vermittle: du bist so, aber sein sollst du anders.

Gehe ich non-direktiv vor, fördere ich Eigenständigkeit und Initiative. Ich gebe eine leitende Orientierung, an der es sich reiben und abgrenzen lässt. Ich folge den Spuren des anderen, bin ihm bei der Ausrichtung seines Kompaases behilflich und korrigiere meinen ggf. auch. Ich unterstütze ihn bei der Suche nach Lösungen, die ihm wesensgemäß sind und lasse kraftvolle Vitalität, Eigensinn und Gefühlsintensität zu. Ich vermittle nicht, daß es einen Unterschied gibt zwischen dem SoSein und dem SoSeinSollen.

Um den non-direktiven Ansatz praktikabler zu machen sei auf Ruth Cohns Themenzentrierte Interaktionelle Methode (1975) zurückgegriffen:

Erforderlich ist ein Gleichgewicht

 

Struktur und Planung:

  • machen

Flexibilität im Prozess / Improvisation:

  • zulassen

Starre Reglementierung des Ablaufes

Konzeptloses Laufenlassen

 

Die Art des persönlichen Einsatzes des Therapeuten, der Kursleitung etc. kann sich am folgenden Werte- und Entwicklungsquadrat orientieren:

 

Selbstkontrolle

  • sich zusammen nehmen, in der Hand haben

Offenheit gegenüber Innenerfahrung

  • sich selbst zulassen

Zwanghafte Überkontrolliertheit

  • übermäßige Abwehrmechanismen

Kontrollverlust

  • sich nicht in der Gewalt haben